Macht es einen eigentlich glücklich, sich vieles leisten zu können? Macht es einen glücklich, im Laden alles zu bekommen, was das Herz begehrt und sich dann auch noch das meiste leisten zu können? Wie stark hängt Glücklichsein von Wohlstand ab und was bedeutet Wohlstand überhaupt? Ab wann ist man wohlhabend? Und gibt es so eine untere und obere Grenze des Wohlstandes, über der oder unter der man nicht als glücklicher Mensch leben kann? Was bedeutet das überhaupt – glücklicher Mensch? Zieht man da den Durchschnitt von wie häufig man glücklich ist? Zählt nicht viel mehr, wie sehr man in bestimmten Momenten glücklich ist?
Über derlei Fragen mache ich mir seit letzter Woche verstärkt Gedanken. Seitdem ich erlebt habe, wie sehr man sich über ein Foto freuen kann, lassen mich diese Fragen nicht mehr los – aber von vorne:
Donnerstag kamen die 7 village representatives der craftswomen, unsere Scheiderin und die area representative in Nkozi an und es lief gleich so viel schief, dass ich liebend gerne alle Welt angeschrien hätte. Ich habe am Äquator eine Stunde lang auf sie gewartet, wo sie wie verabredet den Bus verlassen sollten. Schließlich stellt sich heraus, dass sie das vergessen haben und direkt zu The Gardens gefahren sind – ohne überhaupt an mich zu denken oder sich im Nachhinein zu entschuldigen. Dann stellt sich heraus, dass sie nicht das gesamte Geld mitgebracht haben für den trip, worum ich sie gebeten hatte und das Geld, was sie sich für den Transport genommen hatten, noch nicht einmal von der richtigen Quelle kam (wir hatten also ein riesiges Geldproblem). Ebenso haben sie auch noch ein paar andere Sachen vergessen. Wozu macht man sich eigentlich die Mühe einen detaillierten Plan zu erstellen und alles ausführlich zu erklären? Naja, der nächste Tag hat dann alles wieder wettgemacht. Wir sind morgens in die Stadt gefahren, alle haben ihre schönsten Sonntagskleider getragen, waren auf verschiedenen craftsmarkets, bei der Kathedrale und in einem Einkaufszentrum.
Es war beeindruckend, zu beobachten, wie wissbegierig sie neue Designs von Produkten aufgesogen haben, sich Machweisen haben erklären lassen und Produkte als Muster gekauft haben, um sie selber herzustellen (und dann teilweise gestern schon damit ankamen!).
Der Weg zum Einkaufszentrum war recht nervenaufreibend, weil wir uns mit 9 Dorffrauen durch die vielen Autos durchkämpfen mussten, die definitiv keine Rücksicht nehmen. Im Einkaufszentrum sind wir zunächst in einen großen Supermarkt gegangen, wo mir eine Frage gestellt worden ist, die ich nie vergessen werde: „How do we pay?“ – sie stehen fast direkt vor der Kasse und verstehen nicht, wie man bezahlt. Das hat mich echt sprachlos gemacht.
Eine Weile später haben sie dann zum ersten Mal in ihrem Leben einen Fahrstuhl benutzt und eine ganze Zeit später hat eine gesagt „I still feel lifted“ – das merken wir doch meistens gar nicht mehr, oder? Abschließend habe ich dann noch manchen von ihnen erklären müssen, wie man eine „flushing toilet“, also für uns eine ganz normale Toilette, benutzt.
Auf dem Dach des Einkaufszentrums habe ich ein Foto von allen gemacht und ihnen davon einen Abzug machen lassen bevor sie wieder abgefahren sind – diese halbe Stunde Aufwand und 3 Euro haben eine solche Euphorie ausgelöst (Umarmungen, Getanze, Gesinge, Geschreie, tausendmalige Danksagungen, „we’ll never forget you“s), dass ich nicht mehr wusste, wohin mit mir.
Dieser Abschluss der „Reise“ hat mich doch sehr ins Grübeln versetzt. Ich glaube, uns ist schon so viel Freude verloren gegangen, einfach nur dadurch, dass Sachen wie Fotos zu etwas Normalem werden. Unsere Ansprüche sind so hoch geworden – was braucht es, um UNS in eine derartige Euphorie zu versetzten? Es ist glaube ich nur menschlich, dass man sich an Sachen gewöhnt und dann immer mehr braucht, um glücklich zu sein. Wie schade! Geht das nicht auch anders? Das ist ein bisschen so, wie mit der Wirtschaft. Ich habe mal einen Artikel in der ZEIT gelesen, ob wir Wachstum wirklich brauchen? Wieso ein Staat oder ein Unternehmen nicht mit einem bestehenden Zustand glücklich sein kann und den dann versucht, zu halten. Ich erinnere mich leider nicht mehr genau an die Erklärung, nur noch, dass sie mich überhaupt nicht zufrieden gestellt hat.
Mein Vorsatz fürs nächste Jahr, fürs ganze Leben wird auf jeden Fall sein, nicht die Freude an Kleinigkeiten zu verlieren, nicht das Bedürfnis zu entwickeln, immer mehr zu wollen. Ich glaube, dadurch nimmt man sich seine ganze Lebensfreude.
Ich habe mal mit Clemens lange über Luxus, Freiheit und Glück gesprochen. Ist ein armer Mensch glücklicher als ein reicher? Damals habe ich die These vertreten, dass es einen bestimmten Mindestwohlstand geben muss, sodass man nicht mit dem täglichen Überleben kämpft, um als armer Mensch glücklich zu sein. Und dass es bestimmt auch für einen armen Menschen, der Reichtum und Luxus nicht kennt, sehr viel einfacher ist, mit dem, was er hat, zufrieden zu sein. Ich glaube mittlerweile, dass es im Grunde nur darauf ankommt, seine Freude nicht zu verlieren. Und das ist in der Tat leichter, wenn man nicht sehr viel besitzt – aber es muss doch auch möglich sein, sich diese Freude an Luxus zu bewahren, wenn man reich ist. Ich lebe ja jetzt recht schlicht und merke, wie viel stärker ich ein bisschen Luxus schätzen kann. Noch nie habe ich mich so sehr über einen (bestimmt nicht hochwertigen) Joghurt gefreut, nachdem ich einen Monat lang keine frischen Milchprodukte gehabt habe. Noch nie habe ich eine warme Dusche so sehr genießen können, wie in den letzten 3 Monaten. Noch nie konnte ich eine solche Vorfreude auf Schokolade entwickeln, wie jetzt gerade, wo ich die Weihnachtsschokolade schon mit meinen Eltern durch die Luft fliegen sehe... Wenn doch nur jeder Mensch begreifen würde, dass man Luxus mit wenig Luxus so viel mehr genießen kann... vielleicht ist das auch genau das, was das Ziel von Kopenhagen sein müsste – nicht, um alles in der Welt den Luxus erhalten und trotzdem das Klima retten, sondern seinen Luxus mal überdenken. Trotz alledem macht einen Luxus sowieso nicht wirklich glücklich. Das Freunde und Familie das aller aller wichtigste sind, um glücklich zu sein, merke ich zur Zeit ganz besonders stark.
Naja, das war jetzt genug Philosophie. Es ist jetzt schon der 3. Advent und ich habe mich noch nie weniger adventlich oder weihnachtlich gefühlt. Vielleicht fliegen meine Eltern ja nicht nur Schokolade, sondern auch Weihnachtsgefühle nach Uganda ein. Das wär schön.
Ich hoffe, ihr seid nicht allzu vorweihnachtlich gestresst und freut euch auf die freien Tage.
Alles Liebe,
eure Solveigh
Abschied #1
vor 16 Jahren



o wie schön... was für einen großartigen eindruck ihr (die frauen und du) aufeinander gemacht haben müsst mit dem, was ihr jeweils für selbstverständlich gehalten habt!
AntwortenLöschenund wie recht du hast. ich hatte beim lesen ein krasses déjà-pensé (pendant zu déjà-vu), an der stelle, wo du vom großen glück im kleinen schreibst. ich fühle mich so an meinen alltag in der sonderschule erinnert. natürlich kann man eigentlich nichts daran vergleichen, aber die erkenntnis ist so unglaublich gleich. allerdings hat sie sich in meinem alltags-denken noch nicht durchsetzen können: ich wäre nie auf die idee gekommen, kopenhagen aus dieser perspektive zu betrachten - obwohl es doch so nahe liegt!
ich habe für weihnachten dieses jahr keine großen vorbereitungen. eine besteht darin, dass ich gleich einen wichtigen umschlag zur post bringen werde :)
liebe grüße
Luxus ist das Relativste, was es auf der Welt gibt. Das ist zumindest meine Ansicht!
AntwortenLöschenFür mich zumindest fängt Luxus bereits bei einem wunderbaren Gespräch an...
Bezüglich der Weihnachtsgefühle und der Stimmung...bei mir hat sich persönlich so viel verändert,was diese Thematik anbelangt.
Bewunder dich sehr, Solveigh, für deine Kraft und die wundervollen Gedanke, an denen du uns teilhaben lässt...Danke für ein bisschen Philosophie, Gefühl und Ernshaftigkeit in dieser Welt...
In my adult life, I have been nearly rich at times and certainly broke at times, and I think the happiest were in the middle ... no immediate worries, but room to advance my situation. Enough, but not too much. It probably took me 50 years to come to that conclusion, and you know it by 20th You are a remarkable woman. John
AntwortenLöschenMy computer skips. It probably took me 50 years to come to that conclusion, and you know it by 20th You are a remarkable woman. John
AntwortenLöschen