Ich habe mich jetzt lange gedrückt, einen blog-Eintrag zu verfassen, weil ich einfach nicht weiß, wo ich ansetzen soll. Ich mag nicht über mein Projekt schreiben, das ist nur frustierend. Aber Lust auf Schreiben habe ich schon irgendwie. Ich hab mir also überlegt, euch eine Geschichte zu erzählen, die meiner Meinung nach ziemlich aussagekräftig ist für Entwicklungshilfe in Uganda.
Ich habe Goodwin Anfang des Jahres kennen gelernt. Er ist freundlich und zuvorkommend. Vor allem ist er hilfsbereit und einfach ein Lieber. Er ist so einer, den man einfach mögen muss. Anders als die anderen Kinder, die entweder einen Wettbewerb im „Wer kann am schnellsten „how-are-you-how-are-you-how-are-you“ brüllen“ veranstalten oder dich auffordern, ihnen „ihr“ Geld zu geben („Omujungu, give me MY money“). Man freut sich, wenn er einen auf den Markt begleitet. Man freut sich, sich mit einem jungen Ugander unterhalten zu können, mit ihm Tee trinken zu gehen. Man fängt an, sich um ihn zu sorgen.
Goodwin war lange Zeit Straßenkind. Seine Eltern sind gestorben, als er noch nicht einmal 10 Jahre alt war. Er kümmert sich um seine zwei kleinen Brüder. In den Ferien hat er in einem der indischen Supermärkte gearbeitet. Er wurde immer übler behandelt und auch noch immer schlechter bezahlt. Eines Tages erzählt er mir, dass er gerne ein kleines „business“ haben würde, damit würde er mehr verdienen. Bananenpfannkuchen und Samosas will er verkaufen. Dafür braucht er aber 50,000 ugandische Schilling Startkapital. Das sind so knappe 20 Euro. Nachdem ich mit ihm diskutiert habe, ob das wirklich so gut ist und er mich überzeugt hat, sagen ich und eine andere ihm die 50,000 zu. Eine Woche später komme ich wieder in die Stadt. Er hat seinen job im Supermarkt gekündigt und erzählt mir, er schon angefangen habe, zu backen und zu verkaufen. Ob er mir am nächsten Morgen Bananenpfannkuchen bringen kann? Klar. Nach dem Gespräch habe ich ihn ein paar Wochen lang nicht gesehen (sonst taucht er immer sofort auf, wenn ich in die Stadt komme). Über die andere, mit der ich mir das Geld geteilt habe, erfahre ich, dass er einen Teil des Geldes für Essen ausgegeben habe und mit dem Rest keinen Profit gemacht hat, weil er für zu wenig Geld verkauft hat. Mir erzählt er später, er habe das Geld für Schulgeld gebraucht. Wir haben ihm nochmals Geld zugesagt, nur diesmal als Leihgabe. Er kriege eine zweite Chance. Ausgerechnet haben wir mit ihm, dass er wöchentlich mindestens 10,000 Ush Profit machen kann. Er müsste halt morgens um 6 aufstehen und vor der Schule alles vorbereiten. Darauf, dass er das Geld zurück zahlen muss, will er sich nur nicht einlassen. Wartet er lieber auf die nächsten Weißen, die ihm Geld schenken werden? Wenn man in der Stadt ist, klebt er an einem, bis er irgendwas bekommt. Er ist ein total lieber und ich hab ihn sehr ins Herz geschlossen. Aber schenken bringt nichts. Es tut mir ja leid für ihn, dass er solch ein hartes Leben hat, aber mit einem kleinen Geschenk ändere ich daran nichts. Ändern kann man das nur, wenn er selber lernt, auf seinen eigenen zwei Füßen zu stehen und sein eigenes Geld zu verdienen, wenn ihm keine Weißen helfen und ihn immer wieder aus der Patsche ziehen. Ja, er ist erst 16 und sollte sich nur auf die Schule konzentrieren. Aber manchmal ist das Leben halt fies und man muss früher erwachsen werden. Diese ständigen Geld-Geschenke führen nur zu einer Abhängigkeit aus der es ganz schwer ist, wieder heraus zu kommen. Bin ich zu hart? Vielleicht. Aber ich glaube ersthaft, dass sich diese Geschichte auf die Entwicklungshilfe übertragen lässt – zumindest in Teilen. Würden sich die Ugander nicht sehr viel mehr ins Zeug legen, viel mehr für sich kämpfen, wenn sie wüssten, dass ihnen in letzter Sekunde eben nicht von den Weißen geholfen wird?
Das sind so Gedanken, die mir durch den Kopf schwirren, während ich versuche, nicht allzu viel an mein Projekt zu denken und gleichzeitig die Tage am Lake Bunyonyi so sehr zu genießen, wie möglich.
Ich habe grade versucht, Bilder hochzuladen, aber da streikt mein Internet. Sobald ich besseres Internet habt, kriegt ihr die.
Ich freue mich sehr auf euch alle!
Abschied #1
vor 16 Jahren
Ja, eine schöne Geschichte. Und eine traurige. Ich bin jedes Mal, wenn ich aus Afrika zurückkomme, hin und her gerissen, was richtig ist, was den Afrikanern gut tun würde. Ich weiß es nicht. Weil sie eine Chance nicht wirklich haben. Nicht, wenn man sie mit ihrem Schicksal allein lassen würde, und nicht, wenn man ihnen hilft. Allenfalls, wenn man ihnen eine Quarantäne ermöglichen würde. Aber wie soll das gehen? Zu Deinem Beispiel ist mir noch ein Satz eines großen deutschen Strafrechtlers eingefallen, den er vor 35 Jahren in einem Seminar gesagt hat: Er gönne jedem Straftäter, dass er nicht erwischt werde, aber genauso wichtig sei es, dass es Strafrecht gebe. Ohne solche 50,000-Ush-Geschenke geht es nicht, aber genauso wichtig mag es sein, sie nicht zur Regel zu machen. Und schön ist es doch auch, Freunde zu haben, die ihren Weg finden, sich durchzuschlagen. Und ob man selber mal in eine solchen Situation gerät, dass man Menschen braucht, die einem gegen alle Vernunft etwas geben, weiß man auch nicht. Mach's gut, Johannes.
AntwortenLöschenin der Tat wird Entwicklungshilfe in so vielen Entwicklungsländern falsch verstanden (leider ja auch durchaus von den Organisationen).
AntwortenLöschenSolch eine Geschichte habe ich auch hier mitbekommen, nicht aus erster Hand, ich hab mir von Anfang an vorgenommen, dass ich kein Geld habe, dass ich ja so schon genug von mir gebe.
Andererseits ist es aber wirklich schwer, wenn man sich die armen Leute in den Märkten anschaut, wenn man an all die Menschen denkt, die ihre Eltern in dem Bürgerkrieg verloren.
Ach meine Solveigh
Diese Situationen trifft man hier doch auch ständig an. Kinder, die ihren Eltern sagen, kauf mir doch noch ein mal das oder das, dann mache ich richtig was für die Schule oder Arbeitslose, die sagen: gib mir noch mal einen Kredit, dann gehts richtig los bei mir.
AntwortenLöschenIch glaube auch, dass es nichts bringt in jedem Fall immer zu geben, aber wenn man auch noch ein bisschen Einfluss nehmen kann und es einem selber nicht zu viel abverlangt, dann kann man guten Gewissens geben. Ähnlich der Bettler am Altonaer Bahnhof, der Geld zum Essen haben möchte, aber man weiß, dass er es für Alkohol braucht. Nichts geben würde ihn auch nicht vom Trinken abhalten.
Liebe Solveigh, ich bewundere dein "Aushalten" und dein "das Beste draus machen" - dieses Jahr wird sicher einen besonderen Einfluss auf dein weiteres Leben haben. Zwar ein blöder Trost, aber eigentlich besser als ein Jahr ohne irgendwelche Herausforderungen, in dem alles klappt und man überhaupt nicht über die Probleme der Welt nachdenken muss....
Wir freuen uns schon auf das Wiedersehen!!!!